Warum kann dasselbe Produkt bei unterschiedlichen Anbietern verschiedene Preise haben?
Warum kaufen Kunden trotz eines höheren Preises bei einem bestimmten Händler?
Um solche Fragen zu untersuchen, arbeitet die Volkswirtschaftslehre mit vereinfachten Modellen. Eines davon ist der vollkommene Markt.
Dabei bedeutet „vollkommen“ nicht besonders gut. Der vollkommene Markt ist ein theoretisches Idealmodell, mit dem sich Zusammenhänge zwischen Angebot, Nachfrage, Wettbewerb und Preisbildung vereinfacht untersuchen lassen.
Was ist ein Markt?
Ein Markt ist nicht zwingend ein physischer Ort wie ein Wochenmarkt. Volkswirtschaftlich betrachtet entsteht ein Markt dort, wo Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen.
Beispiele sind Wochenmärkte, Börsen, Online-Marktplätze, Rohstoffmärkte oder Arbeitsmärkte. Entscheidend ist nicht der Ort, sondern der wirtschaftliche Austausch zwischen Anbietern und Nachfragern.
Was versteht man unter einem vollkommenen Markt?
Ein vollkommener Markt ist ein theoretisches Marktmodell, bei dem bestimmte idealisierte Bedingungen erfüllt sind.
Unter diesen Bedingungen spielen Unterschiede zwischen Anbietern und Angeboten praktisch keine Rolle. Damit wird insbesondere der Preis zu einem zentralen Entscheidungskriterium.
Die zentralen Modellannahmen
Aus Sicht der Nachfrager gleichartig und austauschbar.
Alle relevanten Marktinformationen sind bekannt.
Keine Bevorzugung bestimmter Anbieter.
Der Standort beeinflusst die Entscheidung nicht.
Liefer- und Wartezeiten schaffen keine Vorteile.
Marktteilnehmer können unmittelbar reagieren.
Wichtiger Hinweis zur Zahl der Voraussetzungen
Je nach Lehrbuch werden die Voraussetzungen unterschiedlich gegliedert. Teilweise wird zusätzlich ausdrücklich genannt, dass keine sachlichen Präferenzen bestehen.
Diese hängen eng mit der Annahme homogener Güter zusammen. Sind Güter aus Sicht der Nachfrager vollständig gleichartig, bestehen gerade keine sachlichen Vorteile aufgrund von Marke, Qualität, Ausstattung, Verpackung oder Design.
Deshalb sollte man nicht davon ausgehen, dass ein vollkommener Markt immer genau sechs fest definierte Merkmale besitzt.
Warum wird ein unrealistisches Modell verwendet?
Der vollkommene Markt existiert in dieser reinen Form praktisch nicht. Trotzdem ist das Modell nützlich.
Es ermöglicht beispielsweise die Untersuchung der Preisbildung, des Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage, von Marktgleichgewichten, Wettbewerb und Abweichungen realer Märkte.
Homogene und heterogene Güter
Homogene Güter
Homogene Güter sind aus Sicht der Nachfrager gleichartig. Die angebotenen Produkte unterscheiden sich für den Käufer nicht relevant, beispielsweise hinsichtlich Qualität, Eigenschaften, Gestaltung oder Ausstattung.
Heterogene Güter
In der Realität sind viele Produkte heterogen. Sie unterscheiden sich beispielsweise durch Marke, Qualität, Ausstattung, Design oder Service.
Dadurch können Nachfrager bestimmte Angebote bevorzugen. Der Markt erfüllt dann bereits eine wichtige Voraussetzung des vollkommenen Marktes nicht.
Die vier Präferenzarten
Präferenzen sind Vorlieben eines Marktteilnehmers. Ein gemeinsames Beispiel macht die Unterschiede deutlich.
Ein Kunde möchte ein Smartphone kaufen.
| Präferenz | Beispiel |
|---|---|
| Sachlich | Der Kunde bevorzugt eine bestimmte Marke oder Ausstattung. |
| Persönlich | Er vertraut einem Händler, bei dem er gute Erfahrungen gemacht hat. |
| Räumlich | Er kauft im nahe gelegenen Geschäft. |
| Zeitlich | Er zahlt mehr, weil das Gerät sofort verfügbar ist. |
Objektive Unterschiede und Präferenzen
Präferenzen und tatsächliche Leistungsunterschiede können zusammenwirken.
Eine kürzere Lieferzeit ist zunächst ein objektiver Leistungsunterschied. Der Kunde kann diesem Unterschied zusätzlich einen besonders hohen persönlichen Nutzen beimessen. Dadurch kann für den Anbieter zusätzlicher Preisspielraum entstehen.
Vollständige Markttransparenz
Auf einem vollkommenen Markt verfügen die Marktteilnehmer über vollständige relevante Informationen.
Nachfrager kennen beispielsweise Preise, angebotene Mengen und Eigenschaften der Güter. Anbieter kennen die für sie relevanten Preise, Nachfragebedingungen und Marktinformationen.
Informationsasymmetrie
In realen Märkten verfügen Marktteilnehmer häufig über unterschiedliche Informationen.
Beispiel Gebrauchtwagen: Der Verkäufer kennt möglicherweise Vorschäden, Reparaturen und technische Probleme, der Käufer jedoch nicht. Dann besteht eine Informationsasymmetrie.
Keine Reaktionsverzögerung
Im Modell können Marktteilnehmer unmittelbar auf Änderungen reagieren. Preisänderungen werden sofort bekannt und berücksichtigt.
In der Realität bestehen dagegen beispielsweise Informationsverzögerungen, Vertragsbindungen, Lieferfristen, Suchkosten oder organisatorische Verzögerungen.
Vollkommener Markt, Polypol und vollkommener Wettbewerb
| Begriff | Beschreibt | Zentrale Frage |
|---|---|---|
| Vollkommener Markt | idealisierte Marktbedingungen | Unter welchen Bedingungen wird gehandelt? |
| Polypol | viele Anbieter und viele Nachfrager | Wie viele Marktteilnehmer gibt es? |
| Vollkommener Wettbewerb | Wettbewerb ohne relevante individuelle Preissetzungsmacht | Kann ein einzelner Anbieter den Marktpreis beeinflussen? |
| Homo oeconomicus | vereinfachtes Verhaltensmodell | Wie entscheidet ein rational handelnder Mensch? |
Ein Polypol ist nicht automatisch ein vollkommener Markt
Beispiel: In einer Stadt gibt es 50 Restaurants. Damit bestehen viele Anbieter.
Trotzdem unterscheiden sich die Restaurants hinsichtlich Speisen, Qualität, Lage, Atmosphäre und Service.
Es handelt sich damit um ein Polypol, aber nicht automatisch um einen vollkommenen Markt.
Marktformen nach Anzahl der Marktteilnehmer
| Anbieter | Nachfrager | Marktform |
|---|---|---|
| viele | viele | Polypol |
| wenige | viele | Angebotsoligopol |
| einer | viele | Angebotsmonopol |
Vollkommener Wettbewerb und Preisnehmer
Beim Modell des vollkommenen Wettbewerbs werden typischerweise mehrere Annahmen miteinander verbunden, etwa vollkommene Marktbedingungen, viele kleine Anbieter, viele Nachfrager und keine relevante Marktmacht eines einzelnen Unternehmens.
Ein einzelnes kleines Unternehmen gilt dann als Preisnehmer. Es nimmt den am Markt entstehenden Preis als gegeben hin.
Homo oeconomicus
Der Homo oeconomicus ist kein eigenes Merkmal des vollkommenen Marktes, sondern ein vereinfachtes Verhaltensmodell.
Dabei wird angenommen, dass Menschen rational, zielgerichtet und nutzenorientiert entscheiden.
Preisbildung durch Angebot und Nachfrage
Der Marktpreis entsteht im einfachen Modell aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage.
Vereinfacht gilt: Steigt der Preis, steigt häufig das Angebot und die Nachfrage sinkt. Sinkt der Preis, sinkt häufig das Angebot und die Nachfrage steigt.
Gleichgewichtspreis und Gleichgewichtsmenge
Dort, wo Angebotsmenge und Nachfragemenge übereinstimmen, liegt im vereinfachten Modell das Marktgleichgewicht.
Der entsprechende Preis heißt Gleichgewichtspreis. Die entsprechende Menge heißt Gleichgewichtsmenge.
| Preis | Angebot | Nachfrage |
|---|---|---|
| 8 € | 200 Stück | 800 Stück |
| 10 € | 400 Stück | 600 Stück |
| 12 € | 500 Stück | 500 Stück |
| 14 € | 700 Stück | 300 Stück |
Bei 12 € betragen Angebot und Nachfrage jeweils 500 Stück.
Damit gilt: Gleichgewichtspreis = 12 € und Gleichgewichtsmenge = 500 Stück.
Nachfrageüberhang
Bei 8 € beträgt die Nachfrage 800 Stück und das Angebot 200 Stück.
800 – 200 = 600 Stück Nachfrageüberhang.
Angebotsüberhang
Bei 14 € beträgt das Angebot 700 Stück und die Nachfrage 300 Stück.
700 – 300 = 400 Stück Angebotsüberhang.
Marktgleichgewicht grafisch
Vereinfachte Angebots- und Nachfragegrafik
12 € / 500 Stück
Horizontale Achse: Menge. Vertikale Achse: Preis. Der Schnittpunkt beider Kurven markiert das Marktgleichgewicht.
Warum entsteht im Modell ein einheitlicher Marktpreis?
Angenommen, Anbieter A und Anbieter B verkaufen ein vollständig identisches Gut.
Anbieter A verlangt 100 €, Anbieter B 110 €.
Unterstellt werden identischer Leistungsumfang, vollständige Markttransparenz, keine Präferenzen, keine räumlichen oder zeitlichen Nachteile, ausreichende Verfügbarkeit und schnelle Reaktionsmöglichkeiten.
Dann besteht für Käufer grundsätzlich kein Grund, beim teureren Anbieter zu kaufen. Der teurere Anbieter gerät unter Preisdruck.
Im Modell entsteht deshalb eine Tendenz zu einem einheitlichen Marktpreis.
Homogene Güter allein reichen nicht aus
Identische Produkte allein garantieren noch keinen einheitlichen Preis.
Auch vollständige Information, Vergleichbarkeit, ausreichende Verfügbarkeit, fehlende Präferenzen und schnelle Reaktion spielen eine Rolle.
Vollkommener und unvollkommener Markt im Vergleich
| Merkmal | Vollkommener Markt | Unvollkommener Markt |
|---|---|---|
| Güter | homogen | häufig heterogen |
| Markttransparenz | vollständig | unvollständig |
| persönliche Präferenzen | keine | möglich |
| räumliche Präferenzen | keine | möglich |
| zeitliche Präferenzen | keine | möglich |
| Preisdifferenzen | im Modell stark eingeschränkt | häufig möglich |
| Realität | theoretisches Ideal | Regelfall |
Was ist ein unvollkommener Markt?
Ein Markt ist unvollkommen, wenn mindestens eine zentrale Voraussetzung des vollkommenen Marktes nicht erfüllt ist. Das ist in der Realität der Normalfall.
Beispiele sind unterschiedliche Marken, unterschiedliche Qualität, verschiedene Standorte, unterschiedliche Lieferzeiten, Informationsunterschiede und Kundenbindung.
Beispiel Smartphone-Markt
Zwei Händler verkaufen vergleichbare Smartphones. Händler A bietet sofortige Lieferung, eine bekannte Marke und Beratung vor Ort. Händler B ist günstiger, weiter entfernt und liefert erst in zehn Tagen.
Der Kunde kann trotzdem Händler A wählen. Der Preis ist damit nicht das einzige Kriterium.
Ist ein Wochenmarkt ein vollkommener Markt?
Nein. Auf einem Wochenmarkt bestehen häufig Unterschiede bei Qualität, Herkunft, Lage des Standes, Beratung und persönlichem Vertrauen.
Ist eine Börse ein vollkommener Markt?
Börsen können einigen Voraussetzungen relativ nahekommen, etwa durch standardisierte Handelsobjekte, hohe Preistransparenz und schnelle Informationsverarbeitung.
Trotzdem bestehen auch dort Informationsunterschiede, Transaktionskosten, unterschiedliche Erwartungen, zeitliche Verzögerungen und weitere Marktfriktionen.
Sind Vergleichsportale vollkommene Märkte?
Vergleichsportale erhöhen die Markttransparenz. Trotzdem unterscheiden sich Angebote häufig bei Lieferzeit, Versandkosten, Service, Bewertungen oder Vertragsbedingungen.
Bedeutung für Marketing und Unternehmenspraxis
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist gerade die Unvollkommenheit realer Märkte interessant.
Unternehmen versuchen häufig bewusst, Austauschbarkeit zu reduzieren, etwa durch Markenbildung, Service, Qualität, Design, Kundenbindung oder schnelle Lieferung.
Dadurch entstehen Präferenzen und der Preis ist nicht mehr das einzige Kaufkriterium.
Warum kann das Preisspielraum schaffen?
Wenn ein Kunde ein Unternehmen besonders schätzt, kann er bereit sein, einen höheren Preis zu zahlen, beispielsweise wegen hoher Qualität, gutem Service, Vertrauen oder schneller Lieferung.
Vollkommener Markt für die Fachwirt-Prüfung
Vollkommener Markt: theoretisches Marktmodell mit idealisierten Marktbedingungen.
Homogene Güter: aus Sicht der Nachfrager gleichartige und austauschbare Güter.
Markttransparenz: Marktteilnehmer verfügen über die relevanten Marktinformationen.
Präferenz: Bevorzugung eines Gutes, Anbieters, Standortes oder Zeitpunktes.
Polypol: viele Anbieter und viele Nachfrager.
Gleichgewichtspreis: Preis, bei dem Angebots- und Nachfragemenge übereinstimmen.
Gleichgewichtsmenge: Menge, die beim Gleichgewichtspreis angeboten und nachgefragt wird.
Nachfrageüberhang: Nachfrage ist größer als das Angebot.
Angebotsüberhang: Angebot ist größer als die Nachfrage.
Typische Prüfungsfehler
- „vollkommen“ mit „besonders gut“ gleichsetzen,
- Polypol und vollkommenen Markt gleichsetzen,
- Homo oeconomicus als Marktmerkmal nennen,
- homogene Güter allein mit einheitlichem Preis gleichsetzen,
- Markt nur als physischen Ort verstehen,
- Börse als tatsächlich vollkommenen Markt bezeichnen,
- Preisnehmer allein dem vollkommenen Markt zuordnen.
Prüfungsaufgabe
| Preis | Angebotsmenge | Nachfragemenge |
|---|---|---|
| 15 € | 300 | 700 |
| 20 € | 500 | 500 |
| 25 € | 700 | 250 |
Aufgabe 1: Bestimme Gleichgewichtspreis und Gleichgewichtsmenge.
Lösung: Bei 20 € entsprechen sich Angebot und Nachfrage mit jeweils 500 Stück.
Aufgabe 2: Was liegt bei 15 € vor?
Lösung: 700 – 300 = 400 Stück Nachfrageüberhang.
Aufgabe 3: Was liegt bei 25 € vor?
Lösung: 700 – 250 = 450 Stück Angebotsüberhang.
Kleiner Selbsttest
Frage 1: Was ist ein vollkommener Markt?
Lösung: Ein theoretisches Marktmodell mit idealisierten Marktbedingungen.
Frage 2: Was sind homogene Güter?
Lösung: Aus Sicht der Nachfrager gleichartige und austauschbare Güter.
Frage 3: Welche vier Präferenzarten unterscheidet man häufig?
Lösung: Sachliche, persönliche, räumliche und zeitliche Präferenzen.
Frage 4: Was bedeutet vollständige Markttransparenz?
Lösung: Alle Marktteilnehmer verfügen über die relevanten Marktinformationen.
Frage 5: Ist ein Polypol automatisch ein vollkommener Markt?
Lösung: Nein.
Frage 6: Was beschreibt ein Polypol?
Lösung: Eine Marktform mit vielen Anbietern und vielen Nachfragern.
Frage 7: Was ist der Gleichgewichtspreis?
Lösung: Der Preis, bei dem Angebots- und Nachfragemenge übereinstimmen.
Frage 8: Was bedeutet Nachfrageüberhang?
Lösung: Die Nachfrage ist größer als das Angebot.
Frage 9: Was bedeutet Angebotsüberhang?
Lösung: Das Angebot ist größer als die Nachfrage.
Frage 10: Warum ist das Modell des vollkommenen Marktes nützlich?
Lösung: Es ermöglicht die vereinfachte Untersuchung von Angebot, Nachfrage, Preisbildung und Wettbewerb.
Häufige Fragen zum vollkommenen Markt
Was ist ein vollkommener Markt?
Ein theoretisches Marktmodell, bei dem idealisierte Bedingungen erfüllt sind.
Welche Voraussetzungen gelten?
Insbesondere homogene Güter, vollständige Markttransparenz, fehlende persönliche, räumliche und zeitliche Präferenzen sowie schnelle Anpassungsreaktionen.
Was sind homogene Güter?
Güter, die aus Sicht der Nachfrager gleichartig und austauschbar sind.
Was ist der Unterschied zwischen Polypol und vollkommenem Markt?
Das Polypol beschreibt die Anzahl der Marktteilnehmer. Der vollkommene Markt beschreibt die Marktbedingungen.
Was ist vollkommener Wettbewerb?
Ein Wettbewerbsmodell, bei dem einzelne kleine Anbieter keine relevante individuelle Preissetzungsmacht besitzen.
Gibt es einen vollkommenen Markt in der Realität?
In reiner Form praktisch nicht.
Ist die Börse ein vollkommener Markt?
Nein. Sie kann einzelnen Voraussetzungen relativ nahekommen.
Was ist der Gleichgewichtspreis?
Der Preis, bei dem Angebots- und Nachfragemenge übereinstimmen.
Warum entstehen auf unvollkommenen Märkten unterschiedliche Preise?
Unter anderem durch Produktunterschiede, Präferenzen, Informationsunterschiede, Standorte und Lieferzeiten.
Warum verwenden Volkswirte das Modell?
Es dient als theoretischer Vergleichsmaßstab zur Analyse realer Märkte.
